Oberhessen – eine geschichtliche Annäherung

August Wilhelm Freiherr von Pappenheim konnte zufrieden sein, als er am frühen Morgen des 12. Juli 1806 so gegen 3 Uhr völlig übermüdet aus der Sitzung in Paris kam. Er hatte viel erreicht für seinen Dienstherrn, dem Landgraf von Hessen Darmstadt: Ludwig X. Der französische Außenminister Charles Maurice de Talleyrand hatte zum Ball und zum Verhandeln geladen. Nach dem Tanzen wurde über die Zukunft der zahlreichen deutschen Kleinstaaten debattiert. Bis früh in den Morgen. Es ging um die neue Machtverteilung in Deutschland, um den Einfluss, den sich Talleyrands oberster Dienstherr, Napoleon Bonaparte, sichern wollte und schließlich um das Ende des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Eines neues Gebilde wurde geschaffen: der Rheinbund.

Pappenheim brachte gute Nachrichten nach Darmstadt mit. Sein Dienstherr erhielt von Napoleon den Titel eines Großherzogs und war nun nicht mehr Ludwig X. sondern Ludewig I. Obendrein waren nun dem frisch gebackenen Großherzog große Teile Hessens unterstellt. Die Fürsten und Grafen von Solms, die Stolbergs in Ortenberg und Gedern, die Erbacher Grafen und viele andere unterstanden nun dem Darmstädter Hof. Und weil diese neuen „Darmstädter Gebiete“ gar keinen direkten geografischen Zugang zu ihrem Machtzentrum im Süden Hessens hatten, sprach man von der Provinz Oberhessen.

Ludwig – oder besser: Ludewig – machte kein schlechtes Geschäft. Er war im Gegensatz zu seinem Kasseler Kollegen Landgraf Wilhelm IX. bettelarm. Bestechungsgelder an Talleyrand konnte er nicht zahlen. Seine Solidarität mit Napoleon musste er auf eine andere Weise unter Beweis stellen: Er stellte für den Russlandfeldzug Napoleons 5000 Mann bereit. Von diesen 5000 Soldaten kamen gerade Mal ein 500 lebend nach Hessen zurück.
Als Napoleon völlig geschwächt und scheinbar am Boden aus Russland zurückgekehrt war, nutzte Ludewig die Gunst der Stunde und stellte sich gegen den französischen Herrscher. Auch für die Zukunft wollte er sich seine Macht und seine oberhessischen Gebiete sichern.
Der nächste bedeutende Tag für Hessen-Darmstadt sollte der 8. Juni 1815 werden. Wieder einmal treffen sich Diplomaten, um Grenzen neu zu ziehen und die Macht neu zu ordnen. Diesmal aber nicht in Paris sondern in Wien. Darmstadt bekommt neben der Provinz Oberhessen nun auch Gebiete jenseits des Rheins. Die neu geordneten Grenzen haben für einige Zeit Bestand.
1821 wurden die alten Verwaltungseinheiten durch größere Landratsbezirke ersetzt. Das Verwaltungsgebiet Oberhessen reichte von Bad Vilbel im Süden bis nach Alsfeld im Norden, von Gießen im Westen bis nach Schlitz im Osten.

Bis in die siebziger Jahre des 20 Jahrhunderts war Oberhessen in aller Munde. Man verband mit Oberhessen die Region nördlich von Frankfurt  am Main. Historisch gesehen ist diese ausschließliche Begriffszuordnung nicht ganz richtig. Im 13. Jahrhundert verwendete man bereits die regionale Bezeichnung Oberhessen. Hessen teilte sich in zwei Gebiete, ein nördliches um Kassel und einen südliches um Marburg. Das nördliche Gebiet um Kassel wurde als Niederhessen bezeichnet, das südliche um Marburg als Oberhessen. Tatsächlich findet man auf der politischen Karte nach dem Wiener Kongress neben der Provinz Oberhessen ein weiteres Oberhessen um Frankenberg und Trysa, das zum Kurfürstentum Kassel gehörte.

Was sich aus dem ganzen Durcheinander vor allem ableiten lässt, ist die Tatsache, dass sich Oberhessen weder als verwaltungspolitische Einheit noch als geografische Region fest eingrenzen lässt. Eine gewisse Beständigkeit ist jedoch seit der Neuordnung Napoleons festzustellen. Noch im Jahr 1866 beschreiben die Karten Hessen das Gebiet um Büdingen, Lauterbach, Schotten, Butzbach, Nidda, Friedberg und Gedern als Provinz Oberhessen. 3300 Quadratkilometer Fläche umfasste die Provinz Oberhessen.

Im Jahr 1918 endet die Ära des Großherzogtums Darmstadt und damit der Zusatz Provinz für die Region Oberhessen. Fortan wird die Region nur noch als Oberhessen bezeichnet, auch unter dem Volksstaat Hessen. Mit der nächsten Verwaltungsänderung spaltete sich Oberhessen in die Kreise Gießen, Alsfeld, Schotten, Lauterbach, Büdingen und Friedberg auf.

Noch in den fünfziger und sechziger Jahren ist der Begriff Oberhessen in aller Munde. In Zeitungsartikeln liest man Schlagzeilen wie „Tollwut in Oberhessen.“ An den Bahnhöfen steht neben der Ortsbezeichnung der Zusatz Oberhessen. Auf Rabattmärkchen findet man die Bezeichnung Oberhessen ebenso wie auf Firmenrechnungen. Die Firma Johannes Nickel, die unter anderem in Ober-Widdersheim Hartbasalt abbaut, ergänzte in den fünfziger Jahren den Firmennamen auf einer Postkarte mit der damals gängigen Abkürzung ‚i.Oberh’. Die Bezeichnung ‚i. Oberh.’ – also in Oberhessen – ist vor allem eine regionale Bestimmung. Eine Verwaltungseinheit ist Oberhessen schon lange nicht mehr.

Notgeld in Oberhessen

Anfang der siebziger Jahre verlor die Bezeichnung Oberhessen an Bedeutung. Grund hierfür war die Neuordnung der Landkreise. Die wurden nämlich zu größeren Einheiten zusammengefasst. Die Menschen sollten ihren Kreis als ihre Region verstehen. Der Begriff Oberhessen hatte scheinbar ausgedient. Aus den Kreisen Büdingen und Friedberg wurde der Wetteraukreis, aus den Kreisen Schotten und Lauterbach der Vogelsbergkreis. Mit den größeren Verwaltungsstrukturen verlor der regionale Bezug Oberhessen an Bedeutung. Der regionale Bezug wird mehr und mehr durch eine politisch gewollte Verwaltungsstruktur beschränkt.

Der Begriff Oberhessen ist jedoch nicht völlig verschwunden. Einige Unternehmen wie beispielsweise das Oberhessische Spannbetonwerk, ein Tochterunternehmen der Bauunternehmung Lupp in Nidda oder die oberhessischen Versorgungsbetriebe OVAG haben den Oberhessen fest in ihren Firmennamen verankert.
Seit den neunziger Jahren versucht eine kleine aber durchaus überzeugte Gruppe von Politikern, Wirtschaftsleuten und Privatpersonen, Oberhessen wieder in das Bewusstsein zu rücken und mit Leben zu füllen. Die Kommunen Nidda, Schotten, Echzell, Gedern, Hirzenhain, Ortenberg, Büdingen, Limeshain, Ranstadt und Glauburg bilden den neuen Kern der Region Oberhessen. Als Verein wollen sie gemeinsam kulturelles Leben und wirtschaftliche Kraft fördern.