Archäologisches Themenwochenende „Stein“ begeistert mit lebendigem Handwerk und faszinierenden Einblicken
30 Jahre nach der Entdeckung der berühmten Sandsteinstatue des „Keltenfürsten“ stand das vergangene Wochenende in der Keltenwelt am Glauberg ganz im Zeichen eines Materials, das die Menschheitsgeschichte geprägt hat: Stein. Beim Archäologischen Themenwochenende „Stein – Rohstoff, Werkzeug und Kunstwerk“ erwarteten die Besucher Vorführungen, Mitmachaktionen und Einblicke in Archäologie, Geologie und traditionelles Handwerk. Besonders Familien wurden beim Mahlen von Getreide, Backen von Fladen oder Bemalen kleiner Keltenfürsten-Statuen selbst aktiv.
„Unser Ziel ist es, Archäologie nicht nur zu zeigen, sondern erlebbar zu machen. Solche Themenwochenenden ermöglichen es, Geschichte mit allen Sinnen zu entdecken und mit Experten direkt ins Gespräch zu kommen“, erklärt Organisator Stephan Brandenfels. „Es freut mich besonders, dass wir ausgewiesene Fachleute gewinnen können, die ihr Wissen mit großer Begeisterung vermitteln.“
Experten vermitteln Archäologie zum Anfassen
Archäotechnikerin Elena Moos demonstrierte das sogenannte Flintknapping – die Bearbeitung von Feuerstein mit Geweih und Stein. „Das Flinthandwerk ist über 3,3 Millionen Jahre alt“, erklärte sie und zeigte, welche Werkzeuge bereits lange vor der Metallzeit aus Stein hergestellt wurden. Steinmetzmeister Martin Röhling aus Nidda präsentierte traditionelle und moderne Steinmetzkunst. Mit einem Augenzwinkern sagte er: „Obwohl man das älteste Gewerbe der Welt meist einem anderen Beruf zuschreibt, sind für mich die Steinmetze die wahren Anwärter auf diesen Titel.“ Schon im Alten Ägypten seien sie hoch angesehene Handwerker gewesen. Die Deutsche Vulkanologische Gesellschaft (DVG) zeigte, dass die dünnflüssigen Lavaströme, die viele vor allem mit dem Vogelsberg verbinden, auch am Glauberg und sogar bis nach Frankfurt nachweisbar sind. Bei kostenfreien Führungen auf das Glauberg-Plateau erläuterte sie zudem die Entstehung und Nutzung der Gesteine. Der Verein „Freunde des Steinbruchs Michelnau e. V.“ stellte den weltweit einzigartigen Rot-Lavatuff aus Michelnau vor. Gesteinsquiz und Stein-Memory ergänzten das Angebot.
Experimentalarchäologe Wulf Hein zeigte urgeschichtliche Werkzeuge, demonstrierte das Feuermachen und erinnerte daran, dass Menschen der Steinzeit weit mehr waren als Jäger und Sammler: „Sie hatten Zeit und Fantasie, Figuren zu schnitzen und Musikinstrumente herzustellen.“ Wie aufwendig die Herstellung steinerner Werkzeuge war, verdeutlichte ein Vergleich: Ein Diabas-Beil benötigte mit originalgetreuen Werkzeugen rund 40 bis 50 Arbeitsstunden, in einem Beil aus Jadeit konnten bis zu 1.000 Stunden Arbeit stecken. Der weitgehend autodidaktische Bildhauer Dr. Jens-Peter Gregersen aus dem Marburger Land arbeitete live an einem Kopf der Keltenfürstenstatue. „Sandstein kommt in unserer Region häufig vor und lässt sich noch gut von Hand bearbeiten. Ich erfreue mich daran, bleibende Dinge zu schaffen“, sagte Gregersen. Susanne Gerschlauer gab anhand von Beispielen aus Kirchen und Burgen Einblicke in die mittelalterliche Steinmetzkunst des 13. bis 15. Jahrhunderts. Zum 30-jährigen Jubiläum wurden außerdem Repliken der vollständig erhaltenen Keltenfürstenstatue und der Bruchstücke dreier weiterer am Glauberg entdeckter Statuen präsentiert und von Stephan Brandenfels erläutert. Beim Mahlen mit Sattelmahlstein und Drehmühle konnten die Besucher anschließend selbst aktiv werden. Das Schrot wurde zu Teig verarbeitet und mit Unterstützung der Arbeitsgruppe Ernährung, Petra Lehmann-Stoll und Kerstin Lachmann, zu Fladen gebacken.
Textilwochenende im August
Der Direktor der Keltenwelt am Glauberg, Dr. Marcus Coesfeld, zog eine positive Bilanz: „Es ist schön zu sehen, mit welchem Interesse unsere Themenwochenenden angenommen werden. Sie leben vom Engagement vieler Beteiligter, die mit großem Fachwissen und viel Liebe zum Detail die Welt der Archäologie lebendig werden lassen. Mein herzlicher Dank gilt unserem gesamten Team sowie allen externen Expertinnen und Experten, die dieses Wochenende mitgestaltet haben.“ Das nächste Archäologische Themenwochenende folgt am 8. und 9. August: Von 10 bis 18 Uhr dreht sich im Museumsgarten alles um „Kleidung und Textil“. Vorführungen am Webstuhl, Brettchenweben, Spinnen mit der Handspindel, das Färben eines mitgebrachten Kleidungsstücks und Einblicke in die Textilarchäologie laden zum Mitmachen ein. Beim Flechten von Bändern in Fingerschlaufentechnik können Besucher eine historische Handwerkstechnik kennenlernen, die durch Funde bereits für die Hallstattzeit nachgewiesen ist. Ein besonderes Projekt ist der nach historischem Vorbild gebaute Webstuhl, den die Museumspädagoginnen Petra Lehmann-Stoll und Kerstin Lachmann in einer Woche mit rund 2,5 Kilometern Wolle bespannt haben. Auch originale Funde wie Spinnwirtel und Webgewichte geben Einblicke in die Textilherstellung vergangener Zeiten. Ein kostenloser Shuttlebus verbindet an beiden Tagen den Bahnhof Glauberg mit der Keltenwelt.
Weitere Informationen unter www.keltenwelt-glauberg.de
Text und Bilder: Keltenwelt am Glauberg
Bildunterschiften:
Bild: Archäotechnikerin Elena Moos zeigte ihr Können und großes Wissen im Flintknapping.




