Eine Landschaft, geprägt von Wasser
In der Region Oberhessen ist Wasser ein reichhaltiges Gut. Ein wichtiges Thema für eine Landesgartenschau
Der Gederner See

In der Region Oberhessen ist Wasser ein reichhaltiges Gut. Die Landschaft ist geprägt von Tälern, Flussläufen, Auen und Stillgewässern. Die Hänge des Vogelsbergs bilden das Zentrum der Abflussentstehung von unseren Flüssen, die sich über die Wetterau bis zum Main entwickeln. Die Niederschlagsmenge ist dort im Jahresdurchschnitt fast dreimal so hoch wie in der zentralen Wetterau, beispielweise bei Münzenberg. Das Resultat dieses Wasserreichtums sowie der geologischen Gegebenheiten sind die mehreren hundert Kilometer an Fließgewässern in Oberhessen. So bilden Horloff, Nidda, Laisbach, Nidder, Bleichenbach und Seemenbach, ergänzt durch viele kleinere Bäche, ein Reichtum an natürlichen Wasserläufen. Hinzu kommen menschgemachte Strukturen, wie Pfaffensee und Teufelssee bei Echzell als Ergebnisse des ehemaligen Braunkohleabbaus. Oder Hillersbachstausee und die Nidderaufstauung in Hirzenhain, damals entstanden als Vorhaltebecken für das Wasserkraftwerk in Lissberg. Gederner See und Niddastausee bieten beste Bedingungen für das Baden und den Wassersport. Sowohl für Mensch, Tier und Natur ist es die wichtigste Lebensgrundlage. Wasser ist also unbedingt schützenswert. Das Thema Wasser würde bei einer Landesgartenschau im Jahr 2027 ohne Frage ein entscheidendes Element bilden.

Fischaufstiegsanlage am Wehr Nidda

Und obwohl es auf den ersten Blick unserer Region beim Thema Wasser anscheinend gut geht, so gibt es auch viele Dinge, die es zu verbessern gilt, um gerade in ökologischer Hinsicht die Region zu erhalten und zu verbessern. Die Haltung zum Wasser unserer Region und wie man damit umgeht, hat sich in den letzten Jahrzehnten stetig geändert. In den 60er Jahren wurde beispielsweise der Ausbau und die Begradigung der Nidda mit Hochdruck betrieben. Landwirtschaft und Siedlungen sollten so vor Hochwasserereignissen geschützt werden. Man war regelrecht Stolz darauf, den Fluss gezähmt zu haben und jegliche Willkürlichkeit des Gewässers zu ersticken. Auch wurde Wasser seit Jahrhunderten durch Mühlen nutzbar gemacht. Die Folgen dessen für die Flora und Fauna entlang der Fließgewässer waren verehrend. In den 90er Jahren brachten die wachsenden klimatischen Änderungen glücklicherweise ein Umdenken im Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen.

Die Gewässer sollten dabei in eine hydrologische Güteklasse 2 gebracht werden, um die Artenvielfalt zu verbessern. Da dies allein nicht ausreichte, verstand man, dass auch die Gewässerstruktur, also die Verläufe der Flüsse, geändert werden müssen.

Die Wasserrahmenrichtlinie der EU aus dem Jahre 2000 besagt, dass alle Oberflächengewässer Europas bis 2015 in einen qualitativ „guten Zustand“ zu überführen sind. Dieses Ziel wurde über zwei Verlängerungen bis 2027 ausgeweitet. Dieser „gute Zustand“ umfasst mehrere Aspekte. Neben hydrologischen Richtwerten ist im Besonderen die Durchgängigkeit von Fließgewässern ein wichtiger Faktor. Dies bedeutet, dass Lebewesen flussaufwärts möglichst keine Wanderhindernisse vorfinden. Hierbei sind Renaturierungen von Flüssen ein gutes Mittel. Eine Auflistung von Wanderhindernissen für die Gewässer Oberhessens zeichnet ein unerwartet schlechtes Bild. Einige Hundert Unterbrechungen sind noch immer vorhanden und verschlechtern den ökologischen Lebensraum Wasser. Dies kann von sichtbaren Aufstauungen über ehemalige Mühlen und Wehre hin zu kleinen versteckten Abstürzen reichen, die Lebewesen eine Passierbarkeit verwehren. Noch immer sind etwa dreiviertel der Fließgewässer im Zustand „deutlich verändert“ und nur wenige Prozent gelten als naturnah. Um diesen Zustand zu ändern wurden in den letzten Jahren schon zahlreiche Dinge umgesetzt und auch in den kommenden Jahren sind weitere Maßnahmen geplant. Die Kommunen haben sich hierfür in den Wasserverbänden Nidda und Nidder-Seemenbach organisiert, um gemeinsam die Wasserrahmenrichtlinie stückweise zu erfüllen. Hierbei helfen attraktive Förderprogramme des Landes Hessen teilweise mit bis zu 95 Prozent Förderung. Bleichenbach, Laisbach und Wolfsbach sind im Programm „100 wilde Bäche für Hessen“ vertreten.

Nidderrenaturierung bei Selters

„Einen ökologisch intakten Lebensraum durch Renaturierungen zu schaffen, wie es beispielsweise am NABU-Haus an den Salzwiesen in Ortenberg-Selters zu sehen ist oder eine Fischtreppe, wie sie am Wehr in der Altstadt Nidda installiert wurde, ist ein wichtiger Aspekt. Neben diesen Maßnahmen ist es aber mindestens genauso wichtig, stets eine hervorragende Wasserqualität im Auge zu behalten“, sagt Thomas Buch von der Unteren Wasser- und Bodenschutzbehörde des Wetteraukreises. Ein großer Anteil des Wassers in unseren Fließgewässern stammt aus den kommunalen Kläranlagen. Diese speisen die Flüsse mit einer Wasserqualität, welche Zulässig und im Allgemeinen unbedenklich ist. Allerdings sind auch diese noch mit Kleinstrückständen von beispielweise Medikamenten belastet. Hier würde die Aufrüstung zu einer vierten Reinigungsstufe erhebliche Verbesserungen bringen. Dadurch könnten auch sensible Lebewesen wieder einen Lebensraum finden. Ab einem Klärwasseranteil von etwa sechzehn Prozent im Fluss bedeutet dies erhebliche Einflüsse auf die Wasserökologie. Teilweise bestehen unsere Flüsse zu 60 Prozent aus Klärwasser. Auch deshalb gibt es keine offizielle Empfehlung zum Baden in Fließgewässern. Eine Sensibilisierung ist hierbei äußerst wichtig. „Eine Aufstockung auf die vierte Klärstufe würde die Kommunen pro Einwohner jährlich im Schnitt nur etwa zehn Euro mehr kosten“, so Buch. Ein Preis, den unser Wasser sicherlich wert wäre.

Sensibler muss der Mensch auch in seinem persönlichen Umgang mit den Gewässern werden. Kanufahren, Stand-Up-Paddling oder das Betreten von Naturschutzgebieten kann einen ökologischen Schaden für Flora und Fauna vor Ort bedeuten. Deswegen muss es verständlich sein, wieso manche Bereiche nicht betreten werden dürfen und im Umkehrschluss ausreichend Bereiche geschaffen werden, die eine Zugänglichkeit zum Wasser erlauben.

Das Thema Umweltpädagogik würde bei einer Landesgartenschau in Oberhessen einen großen Aspekt bilden. Wie wichtig dies ist, zeigen die klimatischen Entwicklungen der letzten Jahre. An dieser Stelle können Partner aus der Region, wie die Schutzgemeinschaft Vogelsberg e.V. eingebunden werden. Diese kämpfen seit Jahren dafür, dass der Wassertransport aus der Region nach Frankfurt am Main reduziert wird.

Gewässerkarte Oberhessen (zum Vergrößern auf das Bild klicken)

Die Schäden, welche der Grundwasserverlust für den Vogelsberg bedeuten, sind bedauerlicherweise erschreckend. Da Frankfurt einen Zielmarkt der potenziellen Besucher einer Landesgartenschau in unserer Region bilden würde, könnte man dieses sensible Thema für die Frankfurter weiter sichtbar machen.

Ein gelungenes Beispiel für die Entwicklung von umweltpädagogischen Angeboten bildet das NABU-Haus an den Salzwiesen in Ortenberg Selters. Hier ist auf einem ehemaligen Fußballplatz ein Biotop mit grünem Klassenzimmer, Informationsangeboten zum Thema Fließgewässer, Auenlandschaft, Salzwiesen und der dortigen Flora und Fauna sowie der Renaturierung und Zugänglichmachung der Nidder entstanden. Gerade die Erlebbarkeit der Gewässer Oberhessen kann durch die Landesgartenschau gezielt verbessert werden. So sind die Uferbereiche unserer Flüsse oftmals verbuscht und kaum zu erreichen. Die Öffnung von Flussbereichen und Entwicklung von beispielsweise naturnahen Kneipp-Anlagen oder Wasserspielplätzen wären eine bedeutende Aufwertung der Gewässerstrukturen. In diesem Zusammenhang würde auch die Infrastruktur entlang der Fließgewässer verbessert werden. Ein Radweg am Seemenbach könnte dann neben Nidda-Radweg und Vulkanradweg die dritte große Tangente durch die Region bilden. Auch die noch notwendigen Renaturierungen und Etablierung von Naturschutzzonen könnten hiermit beschleunigt werden. In Echzell besteht die Idee, ein europäisches Auen-Informationszentrum zu entwickeln. Dies wäre eine entscheidende Inwertsetzung für unsere reichhaltige und einzigartige Auenlandschaft. In Hirzenhain könnte die Entwicklung rund um das Naturschwimmbar weiter beschleunigt werden.

Die Möglichkeiten das Thema Wasser als Element für eine regionale Landesgartenschau zu nutzen, sind also in Oberhessen bereits vielfältig vorhanden. Die Chancen, welche sich hierbei aber auch für die gezielte Weiterentwicklung dieses natürlichen Schatzes auftuen, sind umfangreich und zukunftsweisend.