Die Lebensgemeinschaft im Bingenheimer Schloss
Wo die Seele gepflegt wird
Seit 1950 bietet das Bingenheimer Schloss ein Zuhause für behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene. In der heilpädagogischen Waldorfschule und den zahlreichen Werkstätten gibt es für Jeden die richtige Förderung und die Chance, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Es sind die vielen glücklichen und zufriedenen Menschen, die einem als erstes auffallen, wenn man die Werkstätten der Bingenheimer Lebensgemeinschaft besucht. Hier hetzt man nicht nach einem anderen Leben, nach der nächsten Stufe auf der Karriereleiter.
Die Menschen, die hier in der Kerzenwerkstatt, der Bäckerei, der Schreinerei, der Weberei oder der Keramikwerkstatt arbeiten, haben sichtlich Spaß an ihrer Arbeit. Sie sind glücklich und genau an der Stelle, an der sie sein möchten. Dabei hätten sie – zumindest in den Augen der meisten Menschen – eigentlich einen guten Grund, um unglücklich über ihre Situation zu sein. Alle haben eine schwere Krankheit, wenn Krankheit das richtige Wort ist. Die Lebensgemeinschaft Bingenheim gibt Menschen mit einer geistigen Behinderung ein Zuhause.
Wobei der Begriff „geistige Behinderung“ an diesem Ort nur selten verwendet wird. „Für uns sind es nicht behinderte Menschen. Wir sagen lieber Seelenpflege bedürftige Menschen.“ Jochen Pucher ist so etwas wie der Chef oder Leiter der Lebensgemeinschaft. Im offiziellen Titel heißt es: vertretungsberechtigter Vorstand der Lebensgemeinschaft. Die Lebensgemeinschaft ist im strengen juristischen Sinne ein eingetragener Verein.
Es ist tatsächlich schwierig mit den richtigen Begriffen. „Praktisch bildbar“, „geistig behindert“, „verminderte intellektuelle Leistungsfähigkeit“ – nicht immer gibt es die richtigen Worte. Und die Vergangenheit hat gezeigt, dass manche Begriffe schnell zu Schimpfworten werden können. Worte schaffen schnell eine Ausgrenzung, und genau das ist es, was man in Bingenheim überhaupt nicht möchte.

Hier geht es nämlich darum, den richtigen Platz zu finden, einzugliedern in eine Gemeinschaft und Menschen zu helfen, die eigenen Begabungen zu entdecken. Die hat man nämlich als behinderter Mensch genauso wie als körperlich gesunder Mensch.
Es war im Jahr 1950, als sich eine kleine Gruppe auf den Weg von Rittershain bei Bebra nach Bingenheim aufmachte. Es war eine Gruppe überzeugter Menschen, die nach den heilpädagogischen und sozialtherapeutischen Grundsätzen des Anthroposophen Rudolf Steiner Kindern und jungen Erwachsenen mit einer geistigen Beeinträchtigung ein Zuhause geben wollte. Es sollte kein Heim sein, sondern etwas anderes: eine Lebensgemeinschaft. In Rittershain wurde es schnell zu eng und so mietete man vom Land Hessen das leerstehende Schloss im Echzeller Ortsteil Bingenheim.
Man kann nicht gerade behaupten, dass diese Gruppe in Bingenheim mit offenen Armen empfangen wurde. Aus dem „Heil- und Erziehungsinstitut für Seelenpflegebedürftige Kinder“ ist im Laufe der vergangenen 60 Jahre ein Lebensort für Menschen mit und ohne Behinderung geworden. Im Mittelpunkt steht die Erkenntnis, dass es zwar für manche Menschen Beeinträchtigungen geben kann, der geistige Kern, die individuelle Persönlichkeit eines Menschen aber nie krank ist.
Nach den Ideen von Rudolf Steiner wird den Seelenpflegebedürftigen Menschen dabei geholfen, ihre eigenen Begabungen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. „Wir möchten eine Art Steigbügel für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit bieten“, erklärt Jochen Pucher. Nachdem auch das Bingenheimer Schloss zu eng wurde, entschied man sich in den 70er Jahren in unmittelbarer Nähe des Schlosses ein Werkstatthof zu errichten. Es entstanden die Kerzenzieherei, die Weberei, die Töpferei, die Schreinerei, zwei Wöhnhäuser und ein Schulgebäude. Auch hier schauten die Bingenheimer skeptisch, denn was den Häusern fehlte, war ein rechter Winkel.
Die ungewöhnliche Architektur, die ebenfalls auf anthroposophische Ideen zurückgeht, wurde von manchen Dorfbewohnern nur mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Heute blickt man mit einem Schmunzeln auf diese Zeit zurück, denn die Lebensgemeinschaft Bingenheim ist längst ein fester Bestandteil der Dorfgemeinschaft Bingenheim. Und auf dem Spielplatz unterhalb des Schlosshofes spielen Kinder aus dem Dorf mit den Kindern aus dem Schloss. „Es gibt schon lange keine Berührungsängste mehr. Ganz im Gegenteil.
Schloss und Dorf sind eine große Gemeinschaft und das funktioniert hervorragend“. Jochen Pucher erwähnt auch nicht ganz ohne Stolz, dass die Lebensgemeinschaft Bingenheim mittlerweile Echzells größter Arbeitgeber ist. 220 Arbeitsplätze sind für einen Ort wie Bingenheim mit seinen 1.600 Einwohnern eine ganze Menge.
Einmal im Jahr erklingen von der Burgruine afrikanisch Trommelklänge und Gesänge. Auch das Afrika-Fest auf Burg Lißberg gibt es schon seit 1985 und ist mittlerweile ein fester Bestandteil im Terminkalender der Stadt Ortenberg.
Die Burg hat in all den Jahren nichts an ihrer Anziehungskraft verloren. Lediglich die alte Burghalle war alles andere als einladend und praktisch. Nach 40 Jahren war eine umfangreiche Sanierung mehr als notwendig. Und es sollte den Lißbergern ja nicht so gehen, wie dem alten Amtskeller Biersack, dem fast die Decke auf den Kopf fiel.
Dank des Engagements der Stadt Ortenberg, des Vereins Oberhessen und der europäischen LEADER-Fördermittel wurde die Burghalle in den Jahren 2011 und 2012 umfangreich saniert. Insgesamt flossen 150.000 Euro Fördergelder in dieses Projekt. 340.000 Euro betrugen die Gesamtkosten. „Eine gute Investition“, findet Bürgermeisterin Ulrike Pantring.
Für Rudolf Beck und Manfred Redling ist die neue Burghalle eine willkommene Station bei ihren Führungen auf Burg Lißberg. Auch bei schlechtem Wetter können die beiden dann von den alten Geschichten rund um ihre Burg berichten. Von dem verehrenden Brand von 1798, als die französische Armee angeblich aus Versehen den kleinen Ort in Schutt und Asche legte. Oder von der alten Ringwallanlage, die einst um die Burg führte, von den Kelten, die bereits hier gesiedelt haben und vielen anderen Ereignissen rund um die Burg Lißberg.

Es blieb nicht nur beim Werkstatthof. In den achtziger Jahren nahm man auf dem Quellenhof den landwirtschaftlichen Betrieb auf. 48 Milchkühe liefern genug Rohstoff für die eigene Käserei. Der fertige Käse wird im Bioladen direkt am Schloss verkauft. Auch das Gemüse, das die Lebensgemeinschaft anpflanzt und liebevoll hegt und pflegt, gibt es hier zu kaufen. Zahlreiche Gebäude in Bingenheim gehören heute zur Lebensgemeinschaft. Hier sind Wohngemeinschaften untergebracht. Es gibt Wohnungen für Erzieher und für weitere Mitarbeiter. Ganz neu hinzugekommen sind eine Küchenverarbeitungswerkstatt, eine Bäckerei und ein Hochseilgarten. Der Saatgutbetrieb ist mittlerweile so groß geworden, dass er ausgegliedert wurde und nun eine Aktiengesellschaft ist. Zurzeit hängen die Baupläne für eine große Mehrzweckhalle an den Wänden des Büros von Jochen Pucher.
Es gibt viele Orte, an denen Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung leben und arbeiten können. Bingenheim ist sicherlich ein besonderer Ort. Ein Ort, an dem jeder die Möglichkeit hat, die Einzigartigkeit seiner eigenen Persönlichkeit auszuleben.
Die Lebensgemeinschaft Bingenheim bietet:
- Wohngruppen für Kinder und Jugendliche – Heimat für 72 junge Menschen
- Wohngruppen für Erwachsene – Heimat für 48 erwachsene MenschenBetreutes
- Wohnen – zugehende Unterstützung für 6 MenschenStationär begleitetes Wohnen – begleitende Unterstützung für 6 Menschen
- Angebote zur Gestaltung des Tages für 6 ältere Menschen mit Behinderung und für Menschen mit sogenannter Schwerstbehinderung
- Staatlich genehmigte Schule in freier Trägerschaft für Praktisch Bildbare sowie für Lern- und Erziehungshilfe – für 84 Schüler mit unterschiedlichem sonderpädagogischen Förderbedarf im Alter von ca. 7 bis 21 Jahren
- Werkstätten für Menschen mit geistiger Behinderung (WfbM) – Schöne und sinnvolle Erzeugnisse aus Kunsthandwerk und Landwirtschaft mit 57 Arbeitsplätzen plus Berufsbildungsbereich
- Umfangreiche therapeutische Angebote sowie eine öffentliche Allgemeinarztpraxis




