Der Keltenschatz – die Geschichte einer Entdeckung

Die wissenschaftliche Untersuchung des Glaubergs ist eine wechselvolle Geschichte

Diese Reportage erschien 2004 im ersten Oberhessen-Magazin

von Christian Renner

Der Keltenhügel

Dr. Alois Chlopczik und Wilhelm Diebitsch hatten schon viele Flugstunden über dem Glauberg absolviert. Aber als Chlopczik an diesem Junitag im Jahr 1987 aus dem Fenster des kleinen Sportflugzeugs sah, da bemerkte er etwas, das ihm vorher nie aufgefallen war: kreisrunde Schatten im Feld am Südhang des Glaubergs. Er berichtete den anderen Mitgliedern des Heimatvereins Glauburg von seiner merkwürdigen Entdeckung und versprach, die Bilder zu zeigen, die er mit seinem Fotoapparat aus dem Flugzeug gemacht hatte. Die Bilder hat niemand gesehen. Ob die Kamera versagt hat, der Film falsch entwickelt wurde oder ob Chlopczik einfach die falsche Belichtung gewählt hatte, kann heute niemand mehr sagen. Chlopczik starb im Frühjahr des Jahres 1988.

Chlopcziks Platz im Flugzeug von Wilhelm Diebitsch nahm im Jahr 1988 Werner Erk ein. Gemeinsam mit Chlopczik, Adolf Günther, dem Ehepaar Kauschat und vielen anderen Geschichtsinteressierten hatte Erk im Jahr 1975 den Heimatverein Glauburg gegründet. Es war der erste Verein, der den Namen der neuen Gemeinde nach der Gebietsreform trug. Der Glauberg gab dem angrenzenden Ort seinen Namen. Die Glauburg, die einst auf der geschichtsträchtigen Erhebung stand, war Namensgeberin der Großgemeinde.

Die Schatten ließen schon etwas erahnen.

Mit Diebitsch wollte Erk im Sommer 1988 vom Flugzeug aus einen längst verschwundenen Wall aufspüren, der einst vom Enzheimer Kopf am nördlichen Ende des Plateaus auf dem Glauberg Richtung Westen führte. Auf der Suche nach diesem Wall sahen sie aber etwas ganz anderes. Sie erkannten jenes Gebilde, von dem der verstorbene Dr. Alois Chlopczik ein Jahr zuvor gesprochen hatte: einen dunklen Halbkreis am südwestlichen Hang. Erk fotografierte die merkwürdigen Schatten und erinnert sich an diesen Flug noch heute sehr genau: „Von diesem Tag an ließ mich die Sache nicht mehr los. Ich hatte Blut geleckt und wollte wissen, was sich in diesem Feld unter der Erde befindet.“ Immer wieder überflog er mit Diebitsch die Stelle, machte Bilder, bestimmte die Ausmaße. Besonders gut waren die Schatten an Tagen nach einem starken Regen zu erkennen. Ein Hinweis darauf, dass es sich bei dem Kreis wohl um Gräben handelte, denn in den verschwundenen Gräben trocknet das Regenwasser langsamer, die Fläche bleibt dunkel. Mit seiner Frau unternahm Erk zahlreiche Spaziergänge zu jener Stelle, die er vom Flugzeug aus gesehen hatte. Im Laufe der Zeit erkannte er den dunklen Halbkreis sogar vom Boden aus. „Von Düdelsheim hatte man einen besonders guten Blick auf die seltsamen Verfärbungen.“
Erk schickte die Fotos, die er gemacht hatte, zum Hessischen Landesamt für Denkmalpflege nach Wiesbaden. Sein heimlicher Wunsch, dass neue Grabungen die Geheimnisse des Glaubergs offen legen würden, erfüllte sich aber zunächst nicht. Die Archäologen haben nur wenig Geld für Grabungen. Gegraben wird eigentlich nur, wenn historische Funde gefährdet sind, etwa bei einem Neubau. Die Entdeckung, die Werner Erk und Alois Chlopczik gemacht hatten, war interessant. Daran hatten auch die Wiesbadener Archäologen keinen Zweifel. Für eine spontane Grabung reichte das alles jedoch nicht aus.

Blick in die Geschichte der wissenschaftlichen Untersuchung des Glaubergs

Schon oft wurde der Glauberg archäologisch untersucht. Den Anfang machte der Landesarchäologe Eduard Anthes, der von 1911 bis 1913 auf dem Glauberg die ersten Funde freilegte. Anthes wollte seine wissenschaftlichen Ergebnisse publizieren und damit den Grundstein für die Erforschung des Glaubergs legen. Dazu ist es aber nicht gekommen. Der erste Weltkrieg nahm diesem Vorhaben den Wind aus den Segeln. Überhaupt steht es auffällig schlecht um Veröffentlichungen rund um den geschichtsträchtigen oberhessischen Hügel. Denn auch die zweite große Grabung im Jahr 1933 stand unter einem schlechten Stern. Obwohl es der Grabungsleiter Professor Heinrich Richter verstand, bei den Nazis Geld für die Forschungen locker zu machen, sorgten die Wirren des Dritten Reiches dafür, dass es kein glückliches Ende der Grabung gab. Dabei hatte Richter schon viele interessante Funde geborgen, hatte Mauern der mittelalterlichen Glauburg freigelegt, erste Berichte geschrieben und den Anstoß für ein Glauberg-Museum gegeben. Auf der südwestlichen Seite des Glaubergs ließ er ein Haus bauen, das später als Museum die Funde zeigen sollte. Nur wenige Schritte ist das Haus von jener Stelle entfernt, die Chlopczik und Erk entdeckten und an der ein Fund gemacht wurde, der den Glauberg und mit ihm die Gemeinde Glauburg über die hessischen Grenzen hinaus bekannt machen sollte.

Bis zu seinem Tod im Jahr 1970 diente das Haus am Südhang Professor Richter als Wohnhaus. Ein Museum entstand auf der anderen Seite, neben dem ehemaligen Naturfreundehaus, das die Nazis kurzerhand beschlagnahmt hatten. In diesem Reichsarbeitsdienst-Lager lebten alle Grabungshelfer. Hier waren die Funde untergebracht.

Am Ende des Krieges gab es einen herben Schlag für die wissenschaftliche Untersuchung des Glaubergs. Eine Gruppe versprengter SS-Kämpfer kam am 2. April 1945 auf der Suche nach der Hauptkampflinie aus irgendwelchen Gründen auf den Glauberg. Sie fragten den Grabungsleiter Professor Richter nach dem Weg. Ihr Ziel war Wächtersbach, wo sie wieder in das Kampfgeschehen eingreifen wollten. Richter wies ihnen einen Weg, jedoch nicht den südlichen, sondern den nördlichen Weg am Fuß der Steilhänge. Dieser nördliche Weg hatte einen großen Nachteil: er führte durch ein Gelände, das frei einsehbar war. Und genau in dem Augenblick, in dem die SS-Truppe das freie Gelände erreicht hatte, tauchte am Horizont ein Aufklärungsflugzeug der Amerikaner auf, das sofort unter Beschuss genommen wurde. Die Antwort der Alliierten ließ nicht lange auf sich warten und kam in Form von Artilleriebeschuss. 13 Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein, erzählt man heute. Granaten trafen das Reichsarbeitsdienst-Lager, in dem die Funde der Grabungen lagen. Ein Großteil der Arbeit Richters war zerstört.

Erst 1948 begannen Wissenschaftler der Universität Gießen damit, die Überreste des Museums und die restlichen Funde Professor Richters zu sichten und zu bergen. Sie sind mit ihrer Arbeit nicht fertig geworden. Noch heute sind die Funde nicht wissenschaftlich ausgewertet. Seit den 50er Jahren engagierte sich Adolf Günther unermüdlich für die Erhaltung und Bewahrung des Bodendenkmals Glauberg. Günther kam als Vertriebener nach Glauberg und interessierte sich brennend für die Geschichte seiner neuen Heimat. Alles, was man bis dahin über den Glauberg wusste, sollte in den 90er Jahren ein Doktorand in seiner Arbeit festhalten. Und wieder stand es schlecht um die Veröffentlichung. Kurz vor Ende seiner Doktorarbeit hat der junge Wissenschaftler aufgegeben.

Die Grabungen können beginnen

Zwölf Jahre vor der Entdeckung der dunklen Stellen auf der Südseite gründete sich der Heimatverein Glauburg. Sein Ziel: alles rund um den Glauberg festzuhalten, zu sichten, zu veröffentlichen. Mit dabei war auch Emma Kauschat, die Enkeltochter des ersten Heimatforschers Glaubergs, Johannes May. Er interessierte sich für die Geschichte und die Sagen rund um den Glauberg. Für das 19. Jahrhundert war dieses Interesse keineswegs selbstverständlich. So veröffentlichte May sein Buch unter dem Pseudonym Jean Reuneck. 

Werner Erk, der ebenfalls Gründungsmitglied des Heimatvereins ist, blieb Anfang der neunziger Jahre hartnäckig. Er wandte sich mehrmals an das Landesamt für Denkmalpflege. Diesmal ging es um die Enzheimer Pforte, die Reste eines mittelalterlichen Torturms. Die Enzheimer Pforte wurde bei Waldarbeiten stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Heimatverein wollte die zusammengebrochenen Mauern wieder aufbauen. Nun war man sich nicht sicher, was man noch alles finden könnte in der stark durcheinander gebrachten Erde, hatte Angst, wichtige Zeugnisse der Vergangenheit zu übersehen, vielleicht sogar zu zerstören. Eine Notgrabung sollte für die wissenschaftliche Ordnung sorgen. Und tatsächlich gab der Landesarchäologe Fritz-Rudolf Hermann grünes Licht für Grabungen auf dem Glauberg. 

An der Enzheimer Pforte haben die Grabungen begonnen. Leiter der Grabung war Norbert Fischer. Ein Team aus freiwilligen Helfern stand ihm zur Seite. Die Grundmauern eines Torturmes haben die Archäologen freigelegt und die Reste von vier Umfassungsmauern. Wissenschaftlich durchaus interessant, aber keine sonderlich aufregenden Funde.  Immer wieder machte Werner Erk auf jene Stelle aufmerksam, die ihm und Dr. Chlopczik vom Flugzeug aus aufgefallen waren. Der Landesarchäologe Dr. Fritz-Rudolf Hermann gab wieder nach und ordnete 1994 eine Grabung an der Stelle an. Aber wenige Mittel und wenig Arbeitskraft sollten verschwendet werden, denn keiner der Forscher vermutete, etwas Besonderes zu finden. Man entschied, dass Andreas Striffler die Grabung leiten sollte. Striffler machte zu dieser Zeit eine Ausbildung zum Grabungstechniker. Die Grabung am Südhang des Glaubergs war eine Art Abschlussarbeit für ihn, bei der er unter Beweis stellen musste, dass er eine Grabung leiten, ein Team führen, Dokumentationen erstellen konnte. Die Vermutung, dass es sich bei dem seltsamen Kreis um ein Grab aus keltischer Zeit handelt, hatten die Forscher schon früh. Aber Hoffnung auf einen Fund hatten sie wie gesagt nicht. Denn Gräber waren meistens viele Jahrhunderte zuvor von Schatzsuchern geplündert worden. Der ehemalige Hügel war inzwischen auch völlig eingeebnet. Um das Projekt im Rahmen zu halten, wurde das Gebiet in vier Bereiche geteilt. Einen Teil durfte sich Striffler aussuchen. Mehr sah Chefarchäologe Hermann nicht vor. Striffler wählte das nordöstliche Kreissegment. Diese Wahl sollte den Glauberg berühmt machen. Die ersten Wochen der Grabung waren mehr als unspektakulär. Man fand, wie erwartet, einen Graben. 

Mitarbeiter der Grabungsmannschaft befestigen eine 2,5 Tonnen schwere Konstruktion, um das eingeschalte Fürstengrab zu bergen.

Der Fund, der viel Aufsehen erregte: die Statue des Keltenfürsten.

Der kostbart Goldschmuck sorgte ebenfalls für großes Aufsehen und machten den Glauberg berühmt.

Als die Grabung fast abgeschlossen war, fand man Steine, die eigentlich an diese Stelle nicht hingehörten. Kurz darauf stießen die Archäologen auf blinkendes Metall: Gold; außerdem eine Bronzekanne und andere Grabutensilien. Striffler hatte Grab 1 entdeckt und damit für viel Aufregung gesorgt. Er hatte unter Beweis gestellt, dass er eine Grabungsmannschaft leiten konnte. Er hatte sogar bewiesen, dass er das richtige Händchen bei der Wahl der Grabungsstelle hatte. Der Schwerpunkt der Grabungen wurde sofort vom Plateau auf den Hang verlegt. Norbert Fischer übernahm die Grabung. Die Vermutung, dass es sich um ein Grab aus keltischer Zeit handeln musste, war richtig. Die Annahme, dass man sowieso nichts finden würde, war völlig falsch.

Die Erfolge blieben nicht aus. Man fand in den nächsten Jahren Schmuck, Waffen, eine bronzene Röhrenkanne, Lanzen- und Pfeilspitzen. Der Fund aber, der 1996 für die größte Aufmerksamkeit sorgte, war die lebensgroße Sandsteinstatue. Jene Statue, die Glauburg und den Glauberg bekanntmachte.

Die Funde lassen folgende Vermutung zu: Der Kreis, den Chlopczik und Erk entdeckt haben, war Teil eines großen Grabensystems um einen keltischen Fürstengrabhügel, 300 Meter von den Befestigungen auf dem Bergplateau entfernt. Die Anlage hatte wohl einen Durchmesser von etwa 48 Meter und war sechs Meter hoch. Das Grabmal bestand nicht nur aus dem Hügel und dem Grabensystem, sondern auch aus einer 350 Meter langen Prozessionsstraße.

Der Hügel wurde rekonstruiert und zieht jährlich viele tausend Besucher an. Auch er ist vom Flugzeug aus gut sichtbar. Viele Jahre nach dem Flug über den Glauberg ist das Rätsel der dunklen Stellen gelöst. Welche Rätsel der Glauberg noch in sich birgt, wird vielleicht später entdeckt werden.

Alle Bilder wurden mit freundlicher Genehmigung des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen zur Verfügung gestellt.