Das Profil der Region schärfen
Neues Format einer Landesgartenschau bietet langfristige Chancen

von Bernd-Uwe Domes, Geschäftsführer Wirtschaftsförderung Wetterau

Eine Landesgartenschau über Gemeindegrenzen hinweg – das wäre eine Premiere in Hessen. 2027 könnte es in der Region Oberhessen dazu kommen: Alle zehn Kommunen des östlichen Wetteraukreises und die Stadt Schotten im Vogelsbergkreis haben ihr Interesse an der Durchführung einer interkommunalen Landesgartenschau parlamentarisch bekundet. Der Verein Oberhessen, als Verbund der beteiligten Kommunen, hat daraufhin mit Unterstützung der Wirtschaftsförderung Wetterau eine Machbarkeitsstudie veranlasst. Wesentliche Teile der Finanzierung erfolgen über die Stiftung der Sparkasse Oberhessen sowie über den Verein Oberhessen. Deren Ergebnisse sollen bis zum Ende des Jahres vorliegen und bei der Entscheidung helfen, ob die Kommunen sich gemeinsam bewerben wollen. Bis zum Herbst wird Zeit sein, über die Herausforderungen, vor allem aber die Chancen zu sprechen, die eine solche Großveranstaltung mit sich bringen würde.

Schon vor etwa zehn Jahren wurde die Idee einer Landesgartenschau (LGS) in der Region auf Initiative des Vereins Oberhessen diskutiert, scheiterte aber an der damals noch strikten Verortung in nur einer Kommune. Eine LGS war bis dahin eher eine Ausstellung von gestalteten Blühflächen mit parkähnlichem Charakter. Das Konzept von Gartenschauen, ob auf regionaler, Landes- oder Bundesebene, veränderte sich aber in der Zwischenzeit dahingehend, dass langfristige Strukturmaßnahmen zur Erlebbarkeit der individuellen Kulturlandschaft und zur Stadtentwicklung geschaffen werden sollten. 2019 griffen Ortenberg, Hirzenhain und Gedern die Idee einer LGS wieder auf – als Instrument zur nachhaltigen Stadtentwicklung. Die Gemeinden Limeshain, Glauburg, Ranstadt, Echzell und Kefenrod sowie die Städte Büdingen, Nidda und Schotten schlossen sich an.

Innovativ, reduktiv und nachhaltig

Innovativ, reduktiv und nachhaltig – das ist der strategische Ansatz für eine interkommunale LGS in Oberhessen. “Auf der Basis eines gemeinsamen, potenzialgerechten und innovativen Konzepts, im Rahmen finanzieller Vernunft – eben nachhaltig“, benennen Bernd-Uwe Domes und Klaus Karger, die beiden Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Wetterau, die grundlegenden Anforderungen an eine LGS in der Region. Innovativ wäre die LGS allein dadurch, dass sie die erste ihrer Art in Hessen wäre, die im Kommunalverbund organisiert und durchgeführt werden würde. “Jede Kommune entscheidet selbst, welche Projekte sie umsetzen kann und möchte”, betont Henrike Strauch, die Vorsitzende des Vereins Oberhessen und Erste Stadträtin in Büdingen.

Innovativ wäre sie aber auch deshalb, weil die Bühne einer interkommunalen LGS die intakte Kulturlandschaft Oberhessen wäre: geprägt durch Täler, Flussläufe, Bäche und Streuobstwiesen mit wertvollen ökologischen Systemen und einer hohen Biodiversität, mit Rad- und Wanderwegen als verbindende Funktion, mit Siedlungsstrukturen entlang der Täler, deren Baukultur durch Fachwerk, Residenzen und mittelalterliche Städte, aber auch dörfliche Kultur besticht. Und auch Menschen präsentieren diese besondere Kulturlandschaft, zum Beispiel die Landfrauen, die Imker oder die Mitglieder der Obst- und Gartenbauvereine. “Ein solcher Ansatz, die Kulturlandschaft Oberhessens und ihre natürliche Prägung in den Fokus einer LGS zu stellen, wäre eine Transformation des Formats auf eine neue, in die Zukunft gerichtete Ebene – und er hätte Modellcharakter”, sagt Christian Sperling, Leiter des Fachbereich Regionalentwicklung und Umwelt beim Wetteraukreis.

In diese Richtung zielt auch der Begriff reduktiv: Weniger ist besser. Es soll bei diesem zeitgemäßen Format einer LGS nicht vor allem darum gehen, etwas künstlich zu installieren und neu zu schaffen, sondern vielmehr darum, sich auf das zu konzentrieren, was bereits da ist, und schonend mit den Ressourcen umzugehen. Konkret würde dies bedeuten, Fenster an entscheidenden Orten zu schaffen, um die außergewöhnliche Kulturlandschaft Oberhessens zu zeigen und erlebbar zu machen. Ein solches effizientes, nachhaltiges Management würde über die LGS hinaus wirken, weil es eine Investition in die Attraktivierung und damit in die Zukunft dieses Raums, seiner Städte und Dörfer, wäre. Wichtig dabei sind die Fragen, die jede Kommune für sich selbst wird beantworten müssen, um konkrete LGS-Projekte in Angriff zu nehmen: Wo stehen wir, was sind unsere Potenziale, wo wollen wir hin? Unter diesem Blickwinkel wäre denn auch die Frage nach den Kosten einer LGS zu kurz gegriffen, weil die positiven Effekte sich nicht nur an den Einnahmen, etwa durch Eintrittspreise, festmachen ließen, sondern weit darüber hinausgingen. “Zumal eine LGS die große Chance bietet, Fördermöglichkeiten zu erschließen, die man sonst nicht hätte”, ergänzt Florian Herrmann, Projektmanager beim Verein Oberhessen.

Oberhessens „Bäche, Flüsse und Quellen“
Bild: Florian Herrmann

Als ein inhaltlicher Schwerpunkt der LGS bietet sich die Prägung der Region durch Täler, Flüsse und Bäche an. Horloff, Nidda, Laisbach, Nidder, Bleichenbach und Seemenbach fließen hier. So ist ein äußerst wertvolles ökologisches System und funktionales Gefüge entstanden. Das radial verlaufende Gewässersystem gliedert den Raum. “Es gibt in Deutschlang nur wenige Regionen, in denen sich die wasserwirtschaftliche Bedeutung eines Raums so eindrucksvoll zeigt und so anschaulich machen lässt wie hier”, unterstreicht Henrike Strauch. Die große Aufgabenstellung, die sich damit verbinden ließe, wäre eine ökologische: deutlich zu machen, wie notwendig der bewusste und sparsame Umgang mit Wasser ist, dem wichtigsten Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Unsere Flüsse entspringen in der sanften Mittelgebirgslandschaft des Vogelsbergs und fließen durch die Täler und Auen der Wetterau weiter bis in den Main in der Metropolregion. Überall dort, wo Wasser ist, haben Menschen sich niedergelassen, das gilt für Dörfer ebenso wie für Städte. Im Norden der Großstadt Frankfurt übernehmen die Flüsse, in der Nidda vereint, eine wichtige Aufgabe als Grüngürtel. Noch wichtiger aber ist ihre Funktion für große Teile der Trinkwasserversorgung in Frankfurt und im Umland. Der Vogelsberg ist eines der größten Grundwasserreservoire in Hessen. Über die LGS könnte man die Bedeutung und Notwendigkeit einer Ausbalancierung von Wasserwirtschaft auf der einen Seite und Anforderungen von Ökonomie und Ökologie auf der anderen Seite in den Blick rücken. „Ein Schwerpunkt der LGS soll deshalb das Thema ‘Wasser und Umwelt’ sein“, erläutert Susanne Schaab, Bürgermeisterin in Schotten. Es können lehrreiche Umweltprojekte entstehen, wie z. B. Angebote für Schulklassen und Familien, um ein Bewusstsein für den Wert und den schonenden Umgang mit der Ressource Wasser zu vermitteln. Das neue NABU-Zentrum an den Salzwiesen in Ortenberg-Selters, die Heilquellen und der Kurpark in Bad Salzhausen und das Vulkaneum in Schotten können dabei eine zentrale Rolle einnehmen und sind dafür geradezu prädestiniert. Doch die LGS eröffnet auch die Chance, weitere Flussrenaturierungen in Angriff zu nehmen und naturnahe Lebensräume wiederzustellen, um sie erlebbar zu machen. “Unsere Region bietet dafür eine ideale Bühne”, sagt Gederns Bürgermeister Guido Kempel, über diese Zukunftsaufgabe.

Architektur, Fachwerk und Gärten

Die besondere regionale Architektur ist ein weiterer Schwerpunkt der geplanten LGS und viel mehr als nur die Gestalt einzelner Gebäude. „Es geht um das Gesicht und die Zukunft unserer Städte und Dörfer“, betont Ortenbergs Bürgermeisterin Ulrike Pfeiffer-Pantring. Herausragende Fachwerkarchitektur, historische Stadtbilder, Gärten und Parkanlagen finden sich z. B. in Büdingen, Ortenberg, Gedern und Schotten. Das Fachwerk prägt die ganze Region. In den Städten und Dörfern finden sich überall besondere Bauwerke und Zeugnisse alter Handwerkskunst. Vom einfachen Bauernhaus über die restaurierte Mühle bis hin zu prunkvollen Residenzen. Damit verbunden sind aber auch erhöhte Anforderungen an den Erhalt, die Sanierung und den Umbau vieler historischer und stadtbildprägender Gebäude. Hier können Förderprogramme die Städte und Gemeinden unterstützen. Diese wechselseitigen Effekte auszulösen, gehört unabdingbar zum strategischen Ziel der LGS 2027 in Oberhessen. Es werden nicht nur Städte eingebunden, sondern ebenso die Dörfer, gerade auch abseits der bekannten Wege, wie das idyllische Laisbach- oder Eicheltal, sollen integraler Bestandteil des Konzepts sein und partizipieren. „Die Bedeutung der Region Oberhessen als Naherholungsgebiet wird über eine Landesgartenschau den Menschen in der Metropole geballt nähergebracht“, so Cornelia Dörr, TourismusRegion Wetterau. Die mit intensiver Bürgerbeteiligung zu gestaltenden Projekte dienen langfristig den Bewohnern. „Eine LGS für alle – und nur wenn alle mitmachen, kann sie gelingen“, ist Florian Herrmann überzeugt.

Nachhaltige Entwicklung im ländlichen Raum und neue Mobilität

Verbunden mit dem Gedanken der Reduktion ist die Nachhaltigkeit einer LGS. Jede Schaffung von Infrastruktur, sei es von ökologischen Systemen oder Spiel-/Freizeiträumen, würde dauerhaft sein und dadurch ebenfalls zur Attraktivierung der Innenstädte und Ortskerne beitragen. Einige Kommunen haben sich hier bereits auf den Weg gemacht, zum Beispiel die Stadt Nidda, die sich zu ihrem Fluss hin öffnen möchte, unter Einbeziehung der Geschäftswelt. Auch Ortenberg, Hirzenhain und Gedern arbeiten als Verbund an einer nachhaltigen „Stadtreparatur“ und der Aufwertung von Kernbereichen, Gebäuden und Plätzen. Auch hier zeigt sich: Die Kosten dafür müssen die Kommunen nicht alleine tragen; erhebliche Zuschüsse gibt es über das Förderprogramm “Lebendige Zentren”, das sich übrigens sowohl inhaltlich als auch zeitlich mit einer interkommunalen LGS im Jahr 2027 decken würde. Nachhaltig wäre darüber hinaus der Ansatz, neue vernetzte Mobilität in der Region zu fördern und die Anbindung an die Zentren zu verbessern. Die Gretchenfrage ist an dieser Stelle: Wie kann eine LGS nachhaltige Verbesserungen beim Individual- und öffentlichen Verkehr in der Region auslösen? Gerade wenn Wegstrecken länger und die Angebote weitmaschiger sind. Ein wichtiger Ansatzpunkt sind die heimischen Bahnhöfe sowie Bahnsteige und deren Ausbau zur Drehscheibe für nachhaltige Mobilität, die Verfügbarkeit von umweltfreundlichen Verkehrsmitteln zur Fortbewegung in die Region sowie Lückenschlüsse in der Wegeinfrastruktur. Der Umweltaspekt macht die Frage nach der Mobilität nötig – wie also die zahlreichen Anlaufpunkte einer LGS erreicht werden können. Viele Rad- und Wanderwege wie die Bonifatiusroute, der Vulkanradweg und die Niddaroute als Verbindungsachsen in die Metropolregion sind schon vorhanden. An manchen Stellen wird es notwendig sein, sie weiterzuentwickeln bzw. Lücken zu schließen. Auch die zusätzliche Schaffung einfacher Einkehrmöglichkeiten könnte dabei zum Thema werden. Landesgartenschauen haben hier eine „schubartige“ Wirkung, lauten Ergebnisse von aktuellen Forschungsarbeiten der Justus-Liebig-Universität Gießen im Fachbereich Stadt- und Raumentwicklung. Eine verbesserte regionale Vernetzung und Erreichbarkeit muss deshalb ein Leitmotiv der LGS 2027 in Oberhessen sein. Denn: Sie nutzt der Region dauerhaft und kann auch modellhaft für eine zukunftsfähige Gestaltung des ländlichen Raumes in Hessen stehen.

“Es geht nicht nur um den Zeitraum von drei bis sechs Monaten, in denen eine LGS stattfinden würde”, betont Projektmanager Herrmann. Die LGS sei ein Format, um die substanzielle Qualität der Landschaft, der Städte und Dörfer, offenzulegen, sie weiterzuentwickeln, sie erlebbar zu machen und in einem Leitbild zu profilieren. “Ein solches Leitbild wäre zum einen nach innen gerichtet – die Menschen sollen sich damit identifizieren”, sagt Herrmann. Noch wichtiger aber sei, dass es auch nach außen gerichtet wäre – in Richtung der Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main mit ihren 5 Millionen Einwohnern. Eine LGS würde die große Chance bieten, die Wahrnehmbarkeit und das Image unserer Region zu befördern – als attraktiver Wohn- und Lebensraum, insbesondere für Familien, mit intakter Kulturlandschaft als Naherholungsraum, aber auch als interessanter Wirtschaftsraum, wo vor allem Familienunternehmen schon seit langer Zeit erfolgreich tätig sind. Die LGS wäre also ein Vehikel, um das Profil unserer Region zu schärfen, auch als Alternative zur Großstadt, und davon würde Oberhessen über Jahrzehnte profitieren, immer unter der Prämisse Strukturverbesserung für den ländlichen Raum. “Das ist das, was uns antreibt”, sagt Niddas Bürgermeister Hans-Peter Seum.

Ökonomische Nachhaltigkeit / Weitsichtige Entscheidungen

„Der reduktive Leitansatz für die neue LGS, im Sinne von Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit, ist nicht nur ökologisch wertvoll, sondern auch ökonomisch äußerst sinnvoll“, betont Wirtschaftsförderer Bernd-Uwe Domes. Bei den möglichen Investitionen seien immer die Folgewirkungen zu bewerten – sozial, ökologisch und ökonomisch. Jede Stadt und Gemeinde behalte die Entscheidungshoheit über ihren eigenen Mitteleinsatz. Nachhaltige Stadtentwicklung setze immer voraus, dass Einnahmen, Ausgaben und  Zukunftsinvestitionen abgewogen werden und in einer vernünftigen Balance zur Haushaltsentwicklung stehen. „Eine LGS kostet natürlich auch Geld, und das heißt wie stets in der Stadt- und Regionalentwicklung, es braucht auf Basis fundierter Analysen auch Mut für weitsichtige Entscheidungen“, unterstreicht Domes abschließend. Die Machbarkeitsstudie soll Aufschluss darüber geben, ob eine Bewerbung der Region Oberhessen angegangen werden kann.