Zeitreise durch den Kurpark in Bad Salzhausen

Bad Salzhausen ist ein kleiner Kurort. Das ist sein Vorteil, denn Straßenlärm, Hektik und verbaute Flächen gibt es hier nicht.

Diese Reportage erschien 2004 im ersten Oberhessen-Magazin

von Christian Renner

Der Keltenhügel

Etwa 310 Gehölz-Arten sind im Kurpark Bad Salzhausen vorhanden. Der Park zieht nicht nur Kurgäste an. Für viele ist ein Spaziergang zwischen den hohen Bäumen und exotischen Pflanzen eine besondere Form der Erholung. Unter einigen Bäumen stehen Bänke, laden zum Verweilen ein. Der Blick fällt auf die Saline, schmucke Fachwerkgebäude und eine weitläufige Landschaft. 

Wenn man es genau nimmt, dann hat Bad Salzhausen zwei Parkanlagen. Der ältere Park wurde mit dem Bau des Kurhauses in den Jahren 1824 bis 1826 angelegt. Er reicht bis zur Bahnlinie in nordwestlicher Richtung, bis zur Kurallee in südöstlicher Richtung. Am Rand dieses oberen Kurparks steht das Kurhaus, mitten zwischen den alten, zum Teil über 200 Jahren alten Bäumen der Parksaal. Der Friedberger Geometer und Landschaftsgärtner Bindernagel plante diese Anlage. 

Der unteres Kurpark ist erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. Wesentlichen Anteil an seiner Entstehung hatte der damalige Obergärtner Günter Wagner. Die Wiesen auf der anderen Seite der Kurstraße wurden in den fünfziger Jahren landwirtschaftlich genutzt. Da aber alle Heilquellen in diesem Bereich liegen, sollte auch ein weitläufiger Park entstehen. Der damalige Gärtner Günter Wagner trieb die Gestaltung des unteres Kurparks voran. Das war Jahr 1958. In den Wiesen zwischen den Quellen stand damals kaum ein Baum. Wagner bat den damaligen Kurdirektor und die Erlaubnis, Bäume in diesem Bereich anzupflanzen. „Die gesamte Fläche war ja so gut wie baumleer“, erzählte Wagner in einem Interview im Jahr 2004. Die Antwort des Kurdirektors fiel im Jahr 1958 ebenso knapp aus: „Dann pflanzen Sie!“

Der ehemalige Gärtner Günter Wagner

Der ehemalige Gärtner Günter Wagner vor dem Blauglockenbaum. Günter Wagner ist im Mai 2017 gestorben. Ihm ist diese Reportage gewidmet.

Und Günter Wagner pflanzte. Leidenschaftlich und mit viel Liebe zum Detail. Baumsorten aus aller Herren Ländern, exotische Gewächse und heimische Pflanzen bereicherten den neuen Park. Wagners Drang wurde einigen Pensionsbesitzern sogar so unheimlich, dass sie sich beim Kurdirektor beschwerten. „Ihr junger Gärtner pflanzt unseren Gästen die Sicht zu den Heilquellen zu.“ Der Kurdirektor ließ seinen jungen Gärtner gewähren

Die Erdgeschichte ist in Bad Salzhausen auf eine besonders ästhetische Art und Weise komprimiert. Vor vielen Millionen Jahren entwickelten sich die verschiedenen Baumsorten, die heute dem Park sein besonders abwechslungsreiches Gesicht verleihen. 

Und noch etwas gibt es schon seit vielen Millionen Jahren: das salzhaltige Wasser unter dem heutigen Kurpark. Nicht zur Stärkung der Gesundheit wurde das Wasser einst aus der Erde geholt, sondern um die weiße und sehr wertvolle Kostbarkeit Salz zu gewinnen. Einigen Gästen muss man erklären, dass der hohe Holzturm mitten zwischen den Trinkanlagen kein ehemaliger Feuerwehrturm ist, sondern Teil der Gradieranlage. Und auch die Saline, die heute die gesunde salzhaltige Luft spendet, war einst Teil dieser Industrieanlage. Das Salzwasser, die Sole, floss in den Gradierwerken langsam an den Wänden aus Schwarzdornhecken herunter, Wasser verdunstete und die Salzkonzentration in der Sole wurde höher. Das sparte Energie beim Sieden, also beim Herauskochen des Salzes. 

Blick in die Geschichte der Salzgewinnung

Kupferstich von Bad Salzhausen

Stahlstich aus dem 19. Jahrhundert. Man erkennt das Kurhaus von Bad Salzhausen, den Parksaal im Hintergrund und die Saline im Vordergrund.

Ludwig Knott hat im 15. Jahrhundert mit zwei Salzpfannen und drei Södern Salz gewonnen. Vom Gradieren wusste er noch nichts, diese Technik entwickelte sich später. Knott war wohl der erste, der die Salzquellen wirtschaftlich nutzte. 1495 erscheint sein Name als Pfänner in einem Register der Renten zu Nidda. Einen großen Aufschwung erlebte die Salzgewinnung 100 Jahre später unter Roland Krug, der Salzhausen vom hessischen Landgrafen Ludwig dem Älteren von Hessen-Marburg im Jahr 1593 als Lehen erhielt. Bis zum Jahr 1729 war die Familie Krug Lehnsherr und baute die Anlagen zur Salzgewinnung aus, zwei weitere Quellen wurden gegraben, die Strohgradierung eingeführt. Die Salzgewinnung war nun in größerem Umfang möglich. 

Es gab auch Rückschläge. Eine Sturmnacht richtete im Jahr 1771 großen Schaden an: Der Wind brachte einen Gradierbau zum Einsturz. Die Salzgewinnung in Salzhausen lag im besten Wortsinn am Boden, was wiederum die Chance für einen Neuanfang bot. Die letzte, gleichzeitig aber auch größte Periode der Salzgewinnung begann mit der Bestallung des Hofkammerrats Johann Wilhelm Langsdorff zum Salinenmeister. Er führte neue Techniken ein, baute Anlagen neu auf.  

Bei seinen Parkrundgängen kommt Günter Wagner mit seinen Gästen regelmäßig an dem alten Wasserrad vorbei, das noch heute ein etwa 50 Meter langes Holzgestänge antreibt. Es liegt direkt neben dem Kräutergarten hinter der Trinkkurhalle. Wasserrad und Holzgestänge sind Teil eines technischen Kunstwerkes, das Hofkammerrat Johann Wilhelm Langsdorff im 18. Jahrhundert bauen ließ. 

Um die Sole aus den Quellen zu pumpen, brauchte man viel Kraft. Muskelkraft von Menschen und Tieren wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts immer mehr durch Wasserkraft ersetzt. Ein erstes Wasserrad wurde durch den nahe gelegenen Eschweiher gespeist. Für ein weiteres, größeres Wasserrad ließ Langsdorff zwei künstliche Teiche anlegen, um genügend Aufschlagwasser zu haben. Der vordere Teich, der Landgrafenteich, versorgt noch heute das Wasserrad mitten im Park. 

Stangenkunst im Kurpark Bad Salzhausen

Ein Teil der Stangenkunst von Bad Salzhausen ist heute noch im Kurpark Sichtbart

Haus der Ausstellung zur Salzgewinnung

In dem kleinen Fachwerkgebäude direkt neben der Trinkkuranlage gibt es eine kleine Ausstellung zur Salzgewinnung

Ausstellung zur Salzgewinnung

Hier erfahrt man mehr über die Salzgewinnung und die Nutzung der Wasserkraft

Salzhausen wird zum Gesundheitsort

Mit der Untersuchung des Wassers aus den Quellen wurde der Gießener Professor Justus Liebig beauftragt. Liebig arbeitete zwischen 1824 und 1831 in Salzhausen. Von der heilenden Wirkung des Salzhäuser Wassers war Liebig überzeugt. Aber ihn interessierte nicht nur der gesundheitliche Aspekt, sondern vor allem die vielen Stoffe in der Mutterlauge, dem Restbestand der Salzgewinnung. Er fand in der Lauge Chlormagnesium, zerlegte dieses mit Schwefelsäure in Salzsäure und Magnesiumsulfat, auch bekannt als Bittersalz. Das Bittersalz wollte Liebig im großen Stil in Salzhausen produzieren. Er baute eine kleine Bittersalzfabrik auf, zunächst als eine Art Versuchsanlage.

Vielleicht war es ein Glück für Bad Salzhausen, dass die großen Pläne des Gießener Professors Justus Liebig nicht in die Tat umgesetzt wurden. Die Produktion von Bittersalz brachte letzten Endes keinen großen wirtschaftlichen Gewinn. Wenn Liebig sich durchgesetzt hätte, wäre Bad Salzhausen nicht der beschauliche Kurort mit den vielen malerischen Winkeln, dem großen Park und den stattlichen alten Häusern. Dort, wo heute die Kur- und Touristikinfo in einem Schiefer verkleideten schmucken Häuschen untergebracht ist, stünde vermutlich ein Wachhäuschen mit Schranke und Sicherheitsdienst: Die Männer in Werksuniform würden höflich, aber bestimmt darauf hinweisen, dass man nur mit einer Genehmigung der Geschäftsführung auf das Werksgelände darf. 

Parkfest Bad Salzhausen

Jedes Jahr im Juni findet das Parkfest in Bad Salzhausen statt

Dort, wo heute die Kurgäste zwischen den Bäumen spazieren gehen, stünde eine Industrieanlage mit Rohren, großen Kesseln und einem Verwaltungsgebäude. Wenn Liebig sich durchgesetzt hätte, dann wäre heute das vornehme Kurhaus vielleicht der Standort der Werksfeuerwehr der Salzhäuser Chemiewerke. Liebig hat sich verkalkuliert, Salzhausen ist nicht zum Standort der chemischen Industrie in Hessen geworden. Liebigs Projekt war ein wirtschaftlicher Reinfall. 

Es gibt keine chemische Fabrik, keine Werksfeuerwehr, kein Häuschen mit Pförtner. Stattdessen gibt es eine Allee, die den Besucher in das kleinste hessische Staatsbad geleitet. Bad Salzhausen ist klein. Ein großer Vorteil für den Kurgast und jeden Besucher. Weite Wege gibt es nicht. Es gibt keinen Durchgangsverkehr, keine geschäftige Hektik, keine lärmenden Baustellen. Es gibt verschlungene Pfade und viele Bäume, kleine Fachwerke um die Brunnen, die das heilende Wasser spenden, an einigen Ecken mondäne Häuser. Der Park wird nicht wie in anderen Kurstädten von stark befahrenen Straßen und Wohnsilos begrenzt, sondern geht fließend über in eine Naturlandschaft, die genau das spendet, was heute eher selten geworden ist: Ruhe und Beschaulichkeit.