Als in Echzell noch mit Sesterzen gezahlt wurde

Echzell hatte gleich zwei römische Kastelle

Diese Reportage erschien 2004 im ersten Oberhessen-Magazin

von Christian Renner

Der Keltenhügel

Nicht alle Straßen führen nach Echzell, aber erstaunlich viele. Und noch viel erstaunlicher ist, dass die Straßen verdächtig gerade sind. Wie mit dem Lineal gezogen. Kein Werk der Flurbereinigung, sondern Zeugnis jener Zeit, als Sesterz und As die gängigen Zahlungsmittel waren. Damals exerzierten in Echzell römische Soldaten. Sie wohnten in einem über fünf Hektar großen Kastell und erholten sich nachmittags in einer luxuriösen Therme. Das Badegebäude bot den stationierten Soldaten Annehmlichkeiten, die sie auch weit ab von Rom nicht missen wollten. Wellness für gestresste Kämpfer.

Wenn heute Heinz Weber, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Echzell, seine Kirche betritt, dann steht er auf den Fundamenten jener alten römischen Therme (Anm.: Heinz Weber von 1982 bis 2014, also rund 32 Jahre Pfarrer in Echzell). Die christliche und die römische Geschichte unter einem Dach: Genau dort, wo heute die Gottesdienstbesucher sonntags auf harten Kirchenbänken der Predigt lauschen, entspannten sich vor über 1800 Jahren römische Soldaten im warmen Wasser und erholten sich vom Wachdienst. Bewohner der römischen Bauernhöfe in der Nähe Echzells besuchten ebenfalls die großzügige Therme in der Nähe des Kastells.
Nicht alle Straßen führen nach Echzell, aber erstaunlich viele. Und noch viel erstaunlicher ist, dass die Straßen verdächtig gerade sind. Wie mit dem Lineal gezogen. Kein Werk der Flurbereinigung, sondern Zeugnis jener Zeit, als Sesterz und As die gängigen Zahlungsmittel waren. Damals exerzierten in Echzell römische Soldaten. Sie wohnten in einem über fünf Hektar großen Kastell und erholten sich nachmittags in einer luxuriösen Therme. Das Badegebäude bot den stationierten Soldaten Annehmlichkeiten, die sie auch weit ab von Rom nicht missen wollten.

Vorplatz Echzeller Kirche mit Grundrissen der Therme

Vor der Kirche erkennt man die Rekonstruktion der alten Fundamente der Therme

Wellness für müde Soldaten

Es war ein großes Bad. Der Grundriss übertrifft den der heutigen Kirche. Ausgestattet war die Therme mit allem, was technisch machbar war: Heizung, verglaste Fenster, fließend warmes Wasser. Die Römer hatten einen Sinn für Bequemlichkeit und viel Ideenreichtum, wenn es darum ging, diese Bequemlichkeit umzusetzen. Man kann die Römer als Erfinder der Fußbodenheizung bezeichnen. Eine solche wärmte auch die Besucher der Echzeller Therme. Der Fußboden ruhte auf eng nebeneinander aufgestellten Steinpfeilern. Durch die Hohlräume zwischen den Pfeilern strömte heißer Rauch, der von einer Feuerstelle außerhalb des Gebäudes in diesen Heizkanal eingeleitet wurde. Der Rauch zog durch Tonrohre, die in der Wand eingelassen waren, nach oben ab.

Ein typischer Badebesuch begann im Umkleideraum, dem Apodyterium. Die Besucher legten hier ihre Kleidung ab, begannen mit einer Zeremonie, die weit mehr war als Hygiene. Baden bereitete Wohlbefinden, erfrischte den Geist. In den Thermen traf man sich regelmäßig, es wurde erzählt, debattiert, und vielleicht träumte so mancher Soldat von seiner südlichen, warmen Heimat oder von einem Leben als reicher Senator in Rom.

Direkt vom Umkleideraum ging es weiter in den Kaltbaderaum (Frigidarium). Es gab in der Echzeller Therme zwei Schwitzräume (Sudatorium) und zwei mäßig erwärmte Räume, die man Tepidarium nannte, außerdem ein Warmbad (Caldarium). Von einem großen Ofen gelangte die Wärme in die Hohlräume des Bodens. Der im kalten Winter wohl attraktivste Teil der Therme, die beiden Schwitzräume, ist noch heute für jeden Gottesdienstbesucher Echzells sichtbar. Ein Pflaster markiert die Grundrisse dieses Thermenbereichs direkt vor dem Haupteingang der Kirche.
Zu Zeiten des Kaisers Augustus zogen zum ersten Mal römische Soldaten durch die Wetterau. Im Jahr 10 v. Chr. marschierten sie von Mainz Richtung Osten. Zeugnisse aus dieser Zeit fand man in Friedberg und Bad Nauheim. In Echzell gab es zu dieser Zeit keine militärischen Auseinandersetzungen.

römische Münze

Gezahlt wurde in Sesterzen.

Die Wetterau war fest in römischer Hand

Diese ersten Feldzüge waren für die Römer wenig erfolgreich. Anders war es im Jahr 83 n. Chr. Die Wetterau war fest in römischer Hand. Um die Grenze zu sichern, begannen die Römer mit dem Bau des Limes, der in unmittelbarer Nähe Echzells, östlich der Horloff verlief. Und genau hier bauten die Römer ein Kastell, das andere militärische Stützpunkte in der Wetterau an Grundfläche und an stationierten Kämpfern weit übertraf. Eine Ala (Reitereinheit) mit 500 Soldaten  und eine Kohorte mit nochmals 500 Soldaten waren hier untergebracht. Das Kastell hatte eine Grundfläche von 5,2 Hektar und war damit eines der größten Kastelle an der obergermanischen Grenze. Die Vorhalle der Principia, der Kommandantur, hatte eine freie Spannweite von 15 Metern. Nicht nur militärische Zeugnisse hat die einstige Besatzungsmacht hinterlassen. Auch Kunstobjekte wurden in Echzell entdeckt, sogar besonders spektakuläre: Die schönste erhaltene römische Wandmalerei Hessens wurden in Echzell gefunden und ist heute im Saalburgmuseum zu bewundern. Die Malerei stammt vermutlich aus den Jahren um 135 n. Chr. und zeigt Szenen der griechischen Mythologie. 

Besonders gefährlich war die Grenze bei Echzell nicht. Die Wälder des Vogelsbergs breiteten sich bis zur Horloff aus, von den Germanen ging an dieser Stelle kaum Gefahr aus. Etwa 90 n. Chr. entstanden in Echzell die ersten römischen Gebäude. In mehreren Bauperioden wurde das Kastell erweitert, die Holzkonstruktionen teilweise durch Steinbauten ersetzt. Die Grundrisse wurden mehrmals verändert. Die letzte Bauperiode datieren Forscher auf die Jahre zwischen 235 und 260 n. Chr. Neben dem Limeskastell gab es in Echzell noch ein zweites, kleineres Kastell: das Kleinkastell Haselheck. Beide militärische Anlagen waren durch eine Straße verbunden. 

Die Geschichte der Römer in Echzell interessierte schon im 18. Jahrhundert die Gelehrten. In einem Buch zur hessischen Geschichte aus dem Jahr 1732 berichtet der Historiker Ayermann: „Vor wenigen Wochen habe ich in dem Flecken Echzell, woselbst sich viel Römische Antiquitäten erblicken lassen, einen Stein gesehen, der eben tieff aus der Erden herausgegraben worden, und eine gewisse Römische Dedication an verschiedenen Gottheiten in sich begriffen.“ Der Friedberger Rektor Philipp Dieffenbach, der Dekan C. A. Hoffmann und Pfarrer Eich stellten in den Jahren 1844 und 1845 erste Forschungen an. Bis zu dieser Zeit sahen die Echzeller Bürger in den Hinterlassenschaften der Römer vor allem den praktischen Nutzen. Sie bedienten sich und holten die Steine der Römerbauten für ihre eigenen Häuser. Über die Jahrhunderte blieb nicht mehr viel übrig vom Kastell und den anderen Gebäuden. Die Forscher mussten sich mit den Fundamenten begnügen. So mancher Müllabladeplatz der Römer ist heute ein Eldorado für die Archäologen.

Der Darmstädter Hofrat Friedrich Kofler unternahm im Jahr 1897 im Auftrag der damaligen Reichslimeskommission umfangreiche Ausgrabungen. Er entdeckte das große Limeskastell, das in seinen Ausmaßen das Saalburg-Kastell überragte. 1959 untersuchte Professor Schönberger, damals Direktor des Saalburgmuseums, die Hinterlassenschaften der Römer in Echzell. 

Ein Unglück wurde im Januar 1960 zum Glück für die Geschichtsforschung: Nach einem Brand musste die evangelische Kirche renoviert werden. Der Bauunternehmer Groth machte dabei eine bedeutende Entdeckung: In den Fundamenten der Kirche fand er römische Mauern und Ziegelpfeiler. Eine Grabung brachte später die Erkenntnis: die Echzeller Kirche steht auf den Mauern einer römischen Therme. 

Die Entdeckung der Jupitersäule

Nicht immer ist ein Unglück das Glück der Forscher, manchmal ist es ständige archäologische Fleißarbeit, die etwas Besonderes zu Tage fördert.  1994 überflog der Archäologe Jörg Lindenthal die Wetterau mit einem Sportflugzeug. Am Melbacher Kreuz, dem äußersten Rand der Gemarkungsgrenze Echzells, erkannte der heutige Kreisarchäologe Lindenthal  Fundamente eines lang gestreckten Gebäudes. Die Vermutung, dass es sich hier um ein römisches Gehöft handeln musste, bestätigte sich bei einer Begehung. Eigentlich noch nichts Ungewöhnliches, in der gesamten Wetterau waren römische Höfe verteilt. Der besagte Hof am Melbacher Kreuz lag direkt an einer von den Römern angelegten Straße, eine jener Straßen, die heute noch schnurstracks nach Echzell führen. Bei einer Begehung im Jahr 1997 fand man aber neben Keramikscherben, Ziegelfragmenten und alten Nägeln einen Stein mit einer römischen Inschrift. Eine anschließende Grabung förderte weitere Sandsteinbruchstücke zu Tage. Nicht nur Inschriften waren auf den Steinen zu erkennen, sondern auch Figuren und Ornamente. Was da über viele Jahrhunderte in einem Acker zwischen Echzell und Melbach lag, waren die Überreste einer Jupitersäule, eines römisches Steindenkmals. Solche Steindenkmäler stellten die Römer zu Ehren Jupiters auf. Bei der Echzeller Säule ist sogar bekannt, wer sie gestiftet hat: Lucius Quintionius Servianus. Das geht aus der Inschrift hervor. Mehr noch: Lucius war Veteran der Ala Indiana Antoniniana. Er beendete seinen Militärdienst als Sesquiplicarius, eine Art Unteroffizier. Die Reitereinheit Ala Indiana war – wie eine weitere fragmentarische Inschrift bestätigt – im Echzeller Kastell stationiert. Lucius war Veteran dieser Einheit und vermutlich in Echzell stationiert. 

römische Ausstellung im Museum

Im Museum in Echzell gibt es zahlreiche Funde zu bewundern

Jupitersäule vor dem Museum

Die Jupitersäule

römische Münze

Auch Sesterzen wurden gefunden

Die sechs Meter hohe Säule stand im Innenbereich eines kleinen römischen Gehöftes und wurde vermutlich Anfang des 3. Jahrhunderts nach Christus aufgestellt von Lucius Quintionius Servianus. Sicherlich nutzte Lucius die Echzeller Therme ausgiebig. Ob als aktiver Soldat oder nur als Veteran bleibt jedoch unklar. Es gibt mehrere Möglichkeiten: Lucius kann beispielsweise als Soldat nach Echzell gekommen sein, quittierte seinen Dienst und heiratete in die Familie ein, die den Hof zwischen Echzell und Melbach bewirtschaftete. Vielleicht gründete er auch diesen Hof oder seine Familie hat ihn schon seit vielen Jahren besessen. Fest steht: Lucius stand in Beziehung zu dem Gehöft und zur in Echzell stationierten Militäreinheit. 

Mehr aus einer Laune heraus entstand die Idee, die Jupitersäule zu rekonstruieren. Die Idee gefiel. Der Geschichtsverein Echzell sammelte Geld, suchte Sponsoren und wählte schon mal einen günstigen Platz für die Jupitersäule: direkt vor dem Museum in der  Echzeller Zehntscheune. Im Jahr 2002 wurde die Säule mit einem großen Fest der Öffentlichkeit präsentiert. Und wenn Pfarrer Heinz Weber sonntags aus seiner Kirche kommt, dann läuft er nicht nur über die sichtbaren Grundmauern der Therme, sondern blickt auch unweigerlich auf die sechs Meter hohe Jupitersäule. 

Jupitersäule

Die Jupitersäule

Wie alle Jupitersäulen, so folgt auch die Echzeller Säule in ihrem Aufbau einem festgelegten Schema: Einem Viergötterstein auf dem unteren Sockel folgt ein Mehr- oder Wochengötterstein. Die nächste Stufe bildet der Säulenschaft. Über dem Schaft folgt ein Kapitell und schließlich eine Bekrönung. Die Inschrift ehrt den höchsten Gott der Römer: Jupiter.
IOM
L QVINTOINI
VS SERVIAN
VS VETERAN
EX IS ALE IN
DIANAE ANT
ONINIAN(AE)

Übersetzt: Jupiter, dem Besten und Größten, hat Lucius Quintionius Servianus, Veteran der Ala Indiana Antoniniana, ehemals Sesquiplicarius…

Die Inschrift ist auf dem Viergötterstein untergebracht. Folgt man dem Stein im Uhrzeigersinn, so erscheinen auf den folgenden Seiten die Götter Minerva, Herkules und Merkur. Die Göttin Minerva zeigt als Attribute Helm, Schild und Lanze. Die Eule kennzeichnet sie auch als Göttin der Weisheit. Auf der Brust trägt sie das Haupt der Medusa.

 

Auf der nächsten Seite ist Herkules dargestellt. Er wird gekennzeichnet durch Keule und Löwenfell. Herkules wurde wegen seiner Stärke und seiner großen Taten auf vielen Denkmälern abgebildet. Ihm folgt auf der nächsten Seite der Gott Merkur, mit Flügelhut als Götterbote gekennzeichnet und in der Hand eine Geldbörse haltend. Mit seinem Stab Kerykios versetzt er Menschen in tiefen Schlaf und führt die Toten in die Unterwelt. Über dem Viergötterstein und einer Zwischenplatte befindet sich der Wochen- oder auch Mehrgötterstein. Für jeden Wochentag steht eine Gottheit. Auf der Front sieht man Jupiter. In der Hand hält er ein Blitzbündel. Jupiter war Wetter- und Donnergott und steht für Donnerstag. Ihm folgt – wieder im Uhrzeigersinn – die Göttin Venus mit einem Spiegel in der Hand. Venus, Göttin der Liebe, steht für den Freitag. Der männliche Gott neben ihr im Mantel und mit einer Sichel in der Hand ist Saturn, der den Samstag kennzeichnet. Die Sichel weist ihn als Gott des Ackerbaus aus. Neben ihm ist Göttin Juno in den Stein gemeißelt, Gemahlin des Jupiter und Schutzgöttin von Haus und Familie. Ihr wird kein Wochentag zugeordnet. Auf der nächsten Seite steht Sol, der Sonnengott. Er bezeichnet den Sonntag. Mondgöttin Luna mit der Mondsichel in der Hand den Montag. Ihr folgt Mars, Kriegsgott mit Helm und Speer. Mars steht für den Dienstag. Den Abschluss bildet Merkur, er steht für Mittwoch.

Der Säulenschaft ist mit abstrebenden Schuppen versehen. Das Kapitell zeigt zwischen verschiedener Ornamentik auf jeder Seite einen hervorstehenden Kopf in unterschiedlicher Ausformung. Diese Köpfe stellen die Jahreszeiten dar.