In Oberhessen wird aus Wildpflanzen wertvolle Bio-Energie gewonnen
Es muss nicht immer Mais sein

In Deutschland werden auf über 2,2 Millionen Hektar Fläche Pflanzen für die Energiegewinnung angebaut. Dass es nicht immer Mais sein muss, hat die Hegegemeinschaft Büdingen in einem Modellversuch eindrucksvoll bewiesen. Auf vielen Äckern gedeihen nun Wildpflanzen, die zu Biogas verarbeitet werden. Energie aus Wildpflanzen – das klingt zunächst einmal nach einer verwegenen, vielleicht sogar etwas absurden Idee. Wer dann aber über Projekte der Hegegemeinschaft Büdingen Nord mehr erfährt, der ist begeistert und fasziniert von der Idee, nicht nur Mais zur Energiegewinnung auf die Felder anzupflanzen. Hans Hess, leidenschaftlicher Jäger aus Bleichenbach, betreut gemeinsam mit vielen Mitstreitern das Projekt, das eher durch einen Zufall seinen Anfang genommen hat. Nach dem hessischen Jagdschutzgesetz müssen die Hegegemeinschaften ein so genanntes Lebensraumgutachten erstellen. Es geht zum einen darum, den Lebensraum für das Wild zu untersuchen, aber auch darum, den Lebensraum zu verbessern. Innerhalb der Jäger gründete sich die Projektgruppe ProNatur.

Eher durch Zufall sind sie auf das Thema Energiegewinnung durch Wildpflanzen gekommen. In Wetzlar besuchten die Jäger eine Fortbildung und hörten sich einen Vortrag von Werner Kuhn an. Der Wissenschaftler, Landwirt und Jäger referierte über Wildpflanzen als Alternative zum immer weiter verbreiteten Mais als Energiepflanze für Biogasanlagen. „Wir waren von der Idee begeistert und sahen für unsere Projektgruppe ProNatur eine große Chance“, erinnert sich Hans Hess.

Aber die Gruppe musste noch viele Hürden überwinden, bevor die ersten Wildpflanzen angebaut werden konnten. Vor allem die bürokratischen Hürden hatten es in sich. Rolf Röse aus Bleichenbach war sofort von der Idee begeistert und stellte seinen Acker zur Verfügung. Auch wenn von Anfang an feststand, dass der Ertrag bei Wildpflanzen im Vergleich zu Mais geringer sein würde, waren Landwirte aus Büdingen und Gedern von der Idee angetan. Viele Fragen mussten jedoch noch beantwortet werden. Lässt sich ein Einnahmeverlust der Landwirte durch eine Förderung ausgleichen?   Wer übernimmt die Kosten für das erste Saatgut? Hier hat der bürokratische Hindernislauf begonnen. Schließlich hat das Hessische Umweltministerium das Projekt in Oberhessen gefördert. Unter der Federführung von Dr. Nikolaus Bretschneider-Hermann, Vizepräsident des Landesjagdverbandes Hessen, wurde dann im Winter 2010 offiziell mit dem hessenweit ersten Feldversuch begonnen. Die erste Aussaat erfolgte im Frühjahr 2011.

Hans Hess und Rolf Röse

Das Saatgut wird in zwei verschiedenen Sorten angeboten. Eine Sorte, bei der die Ökologie im Vordergrund steht, und eine Sorte, mit der sich ein höherer Ertrag erzielen lässt. Die Büdinger Jäger entschieden sich für die ökologischere Alternative. Die Reaktionen und die Erfahrungen waren durchweg positiv. Auf einer Fläche von 10,5 Hektar wurden in der Ortenberger, Büdinger und Gederner Gemarkung Sonnenblumen, Malven und andere Staudensorten angebaut und zu Biogas verarbeitet. Auch wenn der Ertrag geringer ist als beim klassischen Maisanbau, bieten sich für den Landwirt einige Vorteile: Aussäen muss man nur alle fünf Jahre und die Pflege und die Düngung fallen praktisch fast weg. Das spart Kosten, beispielsweise für Düngemittel oder Diesel für den Traktor. Selbstverständlich auch Arbeitskosten.

Geerntet werden die Pflanzen im Herbst. Bis dahin kann man die Pflanzen sich selbst überlassen. Sehr zur Freude von Flora und Fauna. Das Wild findet in den Äckern mit den Wildpflanzen während der Aufzucht der Jungen Unterschlupf. „Es hat sich sofort Rehwild angesiedelt“, erzählt Rolf Röse. Auch für die Bienen bieten die Pflanzen reichlich Rohstoff für den Honig. Die Imker sind von dem Projekt ebenso begeistert wie die Naturschutzverbände. Vögel, Fledermäuse und viele andere Tiere finden in den Flächen mit Wildpflanzen reichliche Nahrung und einen wichtigen Lebensraum.

„Das Projekt ist so erfolgreich, dass im nächsten Jahr auf 20 Hektar aufgestockt wird“, schwärmt Hans Hess. Er denkt bereits an einen nächsten Schritt und plant mit der Tierärztlichen Hochschule in Hannover eine wildbiologische Forschung. Es soll untersucht werden, in welchem Maße sich die Wildpflanzen-Flächen im Vergleich zu den Maisflächen auf die Wildtiere auswirken. „Wir sehen die Wildpflanzen als eine Ergänzung zum Mais, der mittlerweile auf vielen Äckern angebaut wird“, erklärt Hans Hess.

Mehr Info: www.pro-natur-buedingen.de