Ilfer platt

In Ulfa spricht man mit Leidenschaft oberhessisch

Es ist nicht gerade einfach, über den oberhessischen Dialekt zu schreiben. Auch mit der genauesten Lautschrift, lässt sich nur sehr begrenzt wiedergeben, wie es klingt, wenn jemand mit einem verzweifelten Ausruf „Kerlle, woas huh merr väill Erwett haut“ (Mensch, was haben wir heute viel zu tun) den Tag begrüßt. Man kann aber wunderbar über Menschen schreiben, die mit viel Leidenschaft und Engagement ihren oberhessischen Dialekt pflegen und am Leben erhalten. In Ulfa gibt es jede Menge dieser Menschen.

Es ist auch nicht gerade verwunderlich, dass gerade Karin Bach aus Ulfa den Wetterauer Mundartwettbewerb 2012 gewonnen hat. Bei dem großen Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“, an dem Ulfa teilgenommen hat, stand das „Ilfer Platt“ ebenfalls im Mittelpunkt. Ein ganzes Dorf spricht platt. Na ja, vielleicht nicht das ganze Dorf, aber viele Menschen, die in Ulfa leben. Sogar in der Schule steht „oberhessisch“ auf dem Stundenplan. Natürlich nicht als Hauptfach. In verschiedenen Nachmittags-AGs üben sich die Grundschüler seit 2011  in der oberhessischen Sprache.

2011 studierten sie ein Krippenspiel ein, was nicht nur die Großeltern an Weihnachten sehr begeisterte. „Die Kinder haben richtig Spaß daran gehabt, das Krippenspiel in oberhessischer Mundart vorzutragen“, erzählt Petra Graf. Neben den Nachmittags-AGs gibt es noch jährliche Projekttage, an denen Mundart und Brauchtum im Mittelpunkt stehen. Besonders aktiv bei der Pflege des Ilfer Platt ist der Theaterverein „Ilfer Schaustecker“. Wenn die Laienschauspieler auf der Bühne stehen, dann reden sie so, wie man in Ulfa schon seit Jahrhunderten redet.

„Es spielt sich eben viel besser auf oberhessisch“ erzählen Holger Schneider und Brigitte Stahnke vom Theaterverein. Die Ilfer Schaustecker haben ihre Fangemeinde und Aufführungen sind schnell ausverkauft. Wer das Stück und die oberhessische Sprache in Reinkultur erleben möchte, der sollte sich früh um Karten kümmern.

Wer glaubt, dass man in Ulfa nur auf der Bühne und in Schulprojekten Ilfer Platt spricht, der unterschätzt diesen Niddaer Stadtteil gehörig. Das Ilfer Platt ist sozusagen allgegenwärtig. Da bleibt selbst die Kirche nicht verschont. Auch wenn Pfarrer Reiner Isheim mit dem Oberhessischen so seine Probleme hat – er versteht mittlerweile fast alles, nur sprechen fällt ihm noch schwer – einmal im Jahr wird der Gottesdienst in oberhessisch gehalten.

Extra für dieses besondere kirchliche Ereignis übersetzt Sonja Arnold die Liedblätter in Ilfer Mundart. Die gesamte Liturgie, alle Gebete und die Lieder erklingen dann im Ilfer Platt. Lediglich die Predigt hält Pfarrer Isheim in hochdeutscher Sprache. Aber auch daran wollen die Ulfaer arbeiten. Der nächste Gottesdienst in Mundart ist für den 23. Februar 2014 geplant. Bis dahin hat Pfarrer Reiner Isheim vielleicht schon das oberhessische predigen gelernt.

Fleißig üben kann er bereits, denn auch im Gemeindebrief, der regelmäßig erscheint, gibt es eine Seite im Ilfer Platt, von Karin Bach verfasst. „Gemoje‘ kann er immerhin schon sagen“, schmunzelt Andrea Schneider. Ulfa ist sicherlich ein ganz besonderer Ortsteil Niddas. Hier gibt es noch viele Dinge, die es in anderen oberhessischen Dörfern schon lange nicht mehr gibt. Besonders wichtige Neuigkeiten verbreiten sich in Ulfa nicht über Facebook oder WhatsApp.

Für Bekanntmachungen gibt es in Ulfa noch den Ortsdiener, der durch das Dorf läuft und die Nachrichten auf oberhessisch verkündet. Genauer gesagt gibt es in Ulfa zwei Ortsdiener, die zu besonderen Anlässen unterwegs sind: Holger Schneider und Michael Fritzius. Beide sind Meister ihres Faches, wenn es um das Ilfer Platt geht. Beide sind Akteure bei den Ilfer Schausteckern. Mit Schelle und Kostüm laufen sie ein oder zweimal im Jahr als Ortsdiener durch Ulfa und verkünden im besten Ilfer Platt die Nachrichten, die für das Dorfleben wichtig sind.

Engagierte Ulfarer die, die Tradition und den Dialekt pflegen

Ulfa pflegt seine Sprache und seine Geschichte. Das Besondere an jedem Ort und an jedem Dialekt sind sicherlich die Dorfnamen, die manchmal so gar nichts mehr mit dem Nachnamen, dafür aber umso mehr mit der Geschichte der jeweiligen Familie zu tun haben. „Hirschekriemersch“ ist so ein Dorfname in Ulfa. Übersetzt bedeutet „Hirschekriemersch“ im weitesten Sinne Hirsehändler. Es muss wohl ein Vorfahre dieser Familie einmal mit Hirse gehandelt haben. Es gibt noch viele weitere Dorfnamen. An vielen Häusern hängen Schilder, die auf die alten Namen hinweisen.

Auch wenn die ursprüngliche Familie des Dorfnamens gar nicht mehr in dem Haus wohn. Der Name bleibt. Das Projekt wurde von den Ulfaer Landfrauen aus der Taufe gehoben. Der Geschichtsverein plant eine Publikation zu den Dorfnamen. Man könnte noch viele Akteure erwähnen, die sich um das Ilfer Platt kümmern, beispielsweise der Seniorenclub oder der Faschingsclub. Manch einer behauptet sogar, dass in Ulfa auch der Posaunenchor auf oberhessisch bläst. Wie auch immer, der oberhessische Dialekt in Ulfa fest verankert. Er wird nicht nur gepflegt, sondern auch weitergetragen. So hatten Karin Bach und Christel Schneider bereits einen Fernsehauftritt im ARD-Buffet, wo sie ein Rätsel in Ilfer Mundart stellten.

Über 1700 Einträge auf der Internetseite www.sosprichtsdeutschland.de hat Karin Bach eingetragen. Hier kann man auch einige Kostproben hören. Kostproben in oberhessischer Sprache gibt es auch auf der Seite. www.oberhessen.de